Wärmebildkameras lassen sich für weit mehr als einzelne Aufnahmen einsetzen. Unternehmen können Temperaturdaten in eigene Software übernehmen, Prüfabläufe automatisieren oder individuelle Anwendungen für Instandhaltung und Forschung entwickeln. Dafür bietet FLIR mehrere Software Development Kits, kurz SDKs.
Welches SDK geeignet ist, hängt von der Kamera und der Aufgabe ab: Soll eine Kamera live angesteuert werden? Geht es um die Auswertung gespeicherter Messdaten? Oder soll eine eigene App auf einem Smartphone beziehungsweise direkt auf einer Wärmebildkamera laufen?
Was ist ein SDK für Wärmebildkameras?
Ein SDK ist ein Werkzeugpaket für die Softwareentwicklung. Es enthält beispielsweise Programmbibliotheken, Schnittstellenbeschreibungen und Beispielcode. Entwickler verwenden diese Bausteine, um Kamerafunktionen und Bilddaten in eigene Anwendungen einzubinden.
Damit lässt sich etwa eine Prüfsoftware entwickeln, die Wärmebilder automatisch einem Bauteil zuordnet, bestimmte Bildbereiche auswertet und Ergebnisse dokumentiert. Der verfügbare Funktionsumfang hängt vom SDK, dem Kameramodell und dessen Ausstattung ab.
Die wichtigsten FLIR SDKs im Überblick
| SDK oder Integrationsweg | Schwerpunkt |
|---|---|
| FLIR Atlas Desktop SDK | Thermografische Bildanalyse und Anbindung unterstützter Wärmebildkameras |
| FLIR Spinnaker SDK | Kamerasteuerung und Erfassung von Bilddaten |
| FLIR Science Camera SDK | Steuerung und Datenerfassung wissenschaftlicher Kameras |
| FLIR Science File SDK | Weiterverarbeitung gespeicherter Wärmebilddateien |
| FLIR Mobile SDK | Eigene Apps für unterstützte mobile Geräte und Kameras |
| GenICam-Lösungen anderer Anbieter | Integration in bestehende Mess- und Bildverarbeitungssysteme |
Die Übersicht beschreibt die jeweiligen Schwerpunkte. Die konkrete Kompatibilität muss für das Kameramodell und die eingesetzte SDK-Version geprüft werden.
FLIR Atlas Desktop SDK: Thermografie in eigene Software integrieren
Das FLIR Atlas Desktop SDK eignet sich für Anwendungen, die unterstützte FLIR Wärmebildkameras anbinden und deren radiometrische Daten verarbeiten sollen. Es ist besonders relevant für viele handgehaltene Kameras sowie für unterstützte stationäre Systeme.
Je nach Kameramodell ermöglicht Atlas unter anderem:
- Verbindung zur Kamera und Steuerung unterstützter Funktionen
- Übertragung und Aufzeichnung radiometrischer Bilddaten
- Zugriff auf Temperaturwerte einzelner Pixel
- Auswertung von Messpunkten und Bildbereichen
- Verarbeitung gespeicherter Wärmebilder
Das Desktop-SDK wird insbesondere mit .NET und C# eingesetzt. Die verfügbaren Übertragungswege, beispielsweise USB, Gigabit Ethernet oder RTSP, hängen von der Kamera ab. Weiterführende Entwicklerressourcen finden Sie in unserem Downloadbereich für FLIR Software und SDKs.
Praxisbeispiel: Eine eigene Prüfsoftware übernimmt Wärmebilder einer kompatiblen Kamera, ermittelt die höchste Temperatur in festgelegten Bereichen und speichert das Ergebnis zusammen mit einer Bauteilnummer.
Kamerakompatibilität und Live-Streaming unterscheiden
Nicht jede unterstützte Kamera bietet dieselben Streaming-Funktionen. Die FLIR C8 unterstützt radiometrisches Streaming über USB mit Atlas. Bei C5 und Cx5 ist dafür mindestens Firmware 3.32.32 erforderlich. Die C3-X unterstützt kein radiometrisches Streaming.
Die Verarbeitung gespeicherter Aufnahmen ist deshalb getrennt von der Live-Anbindung zu betrachten.
FLIR Spinnaker SDK: Kameras steuern und Bilddaten erfassen
Spinnaker ist auf die Anbindung und Steuerung unterstützter Kameras über Standards wie GigE Vision und USB3 Vision ausgerichtet. Das SDK bietet Schnittstellen für C, C++, C#/.NET und Python. Die Python-Anbindung trägt den Namen PySpin.
Zum Paket gehört SpinView. Mit dieser Anwendung lassen sich Kameras konfigurieren und Bildstreams prüfen, bevor die eigene Software entwickelt wird.
Bei Wärmebildkameras ist Spinnaker beispielsweise für geeignete Image Streaming-Ausführungen der FLIR A50/A70 und A400/A500/A700 relevant. Abhängig von Kamera und Einstellung können temperaturlineare Daten oder Signaldaten erfasst werden. Passende Modelle finden Sie im Bereich Wärmebildkameras mit Image Streaming für Automation.
Liefert Spinnaker auch Temperaturdaten?
Ja, bei geeigneten Kameras und passenden Einstellungen. Spinnaker bietet allerdings keine fertige thermografische Analyseumgebung.
Die eigene Anwendung muss das Datenformat korrekt interpretieren und die benötigte Auswertung umsetzen. Bei Signaldaten ist zusätzlich die passende Umrechnung in Temperaturwerte erforderlich.
Praxisbeispiel: Eine Produktionsanlage erfasst mit einer FLIR A50 Image Streaming fortlaufend Bilddaten. Eine eigene Python-Anwendung wertet definierte Bereiche aus und übergibt die Ergebnisse an das Produktionssystem.
Atlas oder Spinnaker?
Für eine thermografische Anwendung mit vorhandenen Analysefunktionen ist Atlas ein naheliegender Ansatz. Für eine stärker auf Datenerfassung und individuelle Bildverarbeitung ausgerichtete Integration kann Spinnaker passen.
Bei den genannten A-Serien ist Spinnaker der Image Streaming-Konfiguration zugeordnet. Deshalb sollte bereits bei der Kameraauswahl berücksichtigt werden, welche Softwareanbindung später benötigt wird.
FLIR Science Camera SDK: Wissenschaftliche Kameras in Prüfstände einbinden
Das FLIR Science Camera SDK dient der Steuerung, dem Streaming und der Datenerfassung unterstützter wissenschaftlicher FLIR Kameras. Dazu gehören unter anderem Modelle aus den Familien A67xx, A85xx, X68xx, X69xx, X85xx und verschiedenen RS-Serien.
Abhängig von Kamera und System unterstützt es GigE, CoaXPress und Camera Link. Zu den unterstützten Entwicklungsumgebungen gehören C/C++, C#/.NET und Python.
Damit lassen sich Kamerafunktionen und Messdatenerfassung in eigene Versuchs- und Prüfsoftware integrieren.
Praxisbeispiel: Ein Prüfstand konfiguriert eine unterstützte wissenschaftliche Wärmebildkamera aus der eigenen Prüfsoftware heraus und erfasst Messsequenzen während eines Bauteiltests.
Die Bezeichnung "Forschung und Entwicklung" allein entscheidet dabei nicht über das SDK. Auch ungekühlte Kameras werden in Forschungsprojekten eingesetzt. Maßgeblich bleiben das konkrete Modell, seine Schnittstellen und die erforderlichen Funktionen.
Eine Übersicht geeigneter Systeme finden Sie bei unseren Wärmebildkameras für Forschung und Entwicklung.
FLIR Science File SDK: Gespeicherte Messdaten weiterverarbeiten
Das Science File SDK setzt bei bereits aufgezeichneten Dateien an. Es ermöglicht, Wärmebilddaten für die Weiterverarbeitung in externe Analyseprogramme oder eigene Anwendungen zu übernehmen.
Dazu gehören der Zugriff auf Roh- beziehungsweise Temperaturdaten und gespeicherte Metadaten. Unterstützt werden verschiedene FLIR Dateiformate, beispielsweise SEQ, ATS und SFMOV.
Das SDK dient der Dateiverarbeitung und steuert keine Kameras.
Unterstützte Entwicklungsumgebungen sind C/C++, C#/.NET, Python und MATLAB. Für MATLAB ist der lesende Dateizugriff über MEX-Funktionen vorgesehen.
Praxisbeispiel: Eine Forschungsabteilung zeichnet Messsequenzen auf und wertet sie anschließend mit einem eigenen Python-Skript aus. Das Skript berechnet Temperaturverläufe in ausgewählten Bereichen und vergleicht mehrere Versuche.
Science Camera SDK und Science File SDK unterscheiden
Das Science Camera SDK bindet unterstützte Kameras in die Datenerfassung ein. Das Science File SDK erschließt gespeicherte Dateien für die anschließende Analyse.
Beide Aufgaben können Bestandteil desselben Projekts sein. Eine Anwendung kann beispielsweise zunächst Messdaten einer Kamera erfassen und diese anschließend automatisiert weiterverarbeiten.
FLIR Mobile SDK und ACE: Eigene Apps für mobile Thermografie
Das FLIR Mobile SDK ermöglicht die Entwicklung von Anwendungen für Android und iOS mit unterstützten FLIR Kameras und Messgeräten. Im Entwicklerportal wird auch die Bezeichnung "Atlas Mobile SDK" verwendet.
Das frühere FLIR ONE SDK wurde durch das FLIR Mobile SDK ersetzt. Für neue Projekte und die Weiterentwicklung bestehender Apps ist daher die aktuelle Entwicklerplattform maßgeblich.
Damit können Entwickler Wärmebilddaten und unterstützte Gerätefunktionen in individuelle mobile Arbeitsabläufe einbinden.
Apps direkt auf der Wärmebildkamera mit FLIR ACE
Mit FLIR ACE, dem Android Camera Ecosystem, kommt ein weiterer Einsatzbereich hinzu: Anwendungen auf der FLIR iXX-Serie.
Neben der Entwicklung für Android und iOS stellt FLIR einen eigenen Entwicklerzugang für ACE bereit. Für die Planung muss deshalb unterschieden werden, ob eine App auf einem Smartphone mit angebundener Kamera oder direkt auf einer ACE-Kamera laufen soll.
Praxisbeispiel: Eine Inspektions-App führt Mitarbeiter durch festgelegte Prüfschritte und ordnet Wärmebilder den richtigen Anlagen zu. Für eine Umsetzung auf einer iXX-Kamera sind die ACE-spezifischen Entwicklungsmöglichkeiten zu prüfen.
GenICam: Bestehende Softwareumgebungen nutzen
Neben den FLIR SDKs können bei kompatiblen Kameras auch Softwarepakete anderer Anbieter eingesetzt werden. Dazu gehören beispielsweise:
- MATLAB Image Acquisition Toolbox
- NI Vision Acquisition Software für LabVIEW
- Pleora eBUS SDK
- Cognex VisionPro
Dieser Weg ist interessant, wenn bereits eine bestimmte Mess- oder Bildverarbeitungsumgebung im Unternehmen vorhanden ist.
GenICam beschreibt einen standardisierten Zugriff auf Kamerafunktionen. Für eine thermografische Anwendung muss zusätzlich geprüft werden, welche Bildformate, Messinformationen und herstellerspezifischen Funktionen die gewählte Software verarbeiten kann.
Eine funktionierende Bildanzeige allein belegt noch keine korrekte Temperaturauswertung.
Worauf kommt es bei der Auswahl an?
Vor der Entscheidung sollten fünf Punkte geklärt sein:
- Kamera und Konfiguration: Welches Modell wird eingesetzt? Handelt es sich beispielsweise um eine Smart Sensor- oder Image Streaming-Ausführung?
- Aufgabe: Benötigen Sie Kamerasteuerung, Live-Daten, Dateiauswertung oder eine mobile App?
- Messdaten: Reicht ein dargestelltes Wärmebild aus, oder werden radiometrische Daten für Temperaturberechnungen benötigt?
- Entwicklungsumgebung: Welche Programmiersprache, welches Betriebssystem und welche vorhandene Software müssen unterstützt werden?
- Systemanforderungen: Welche SDK-Version, Firmware, Treiber und gegebenenfalls zusätzliche Erfassungshardware werden benötigt?
Auch die Zugangsbedingungen unterscheiden sich: Für Atlas Desktop und Mobile sind Entwicklerregistrierung und Freigabe relevant. Das Science Camera SDK wird als kostenpflichtiges Produkt angeboten. Diese Bedingungen sollten früh in die Projektplanung einfließen.
Wann genügt eine fertige Thermografiesoftware?
Für Standardaufgaben wie Bildauswertung, Aufzeichnung und Berichterstellung kann eine vorhandene Software den Entwicklungsaufwand reduzieren.
Für die Auswertung und Dokumentation von Inspektionen kommt beispielsweise FLIR Thermal Studio infrage. Für die Erfassung und Analyse thermografischer Messdaten in Forschung und Entwicklung bietet sich je nach Kamera und Anforderung FLIR Research Studio an.
Ein SDK wird besonders dann interessant, wenn thermografische Daten direkt in eigene Produkte, Prüfstände oder Unternehmensprozesse eingebunden werden sollen.
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